Technologie · · Zielgruppe: Marketers / Techies

Warum jeder digitale Marketer, Shopbetreiber und Techie WebXR kennen sollte

Autor: Matthias Hamann

This article is also available in English.

 

WebXR eröffnet durch web-basiertes Virtual und Augmented Reality neue Möglichkeiten beim Vertrieb von Produkten im Internet. Wir werfen einen Blick auf die Technologie.

Mal ganz umgangssprachlich, wer kennt es nicht? Beim online shoppen auf dem Smartphone oder Tablet vergucken wir uns in eine coole dänische Designer-Leuchte für das Sideboard daheim. Doch kurz vor dem Klick auf den Kaufen- Button setzt die Impulskontrolle ein. Sieht das Teil wirklich gut neben dem Fernseher aus? Könnte etwas zu groß sein, oder?

Aber Moment mal, direkt neben den Vorschaubildern gibt es noch eine „Live-Preview“. Klicken wir doch mal drauf.

Die Kamera-App öffnet sich und wir richten sie auf das Sideboard. Darauf erscheint jetzt zusätzlich unsere Leuchte in virtueller Form – und die sieht verblüffend echt aus. Passt ja sehr gut, aber vielleicht doch etwas zu groß? Nein, die ist schon irgendwie cool – in den Warenkorb damit.

Was sich anhört wie das Schlaraffenland für Shopbetreiber und Marketer ist ganz nüchtern betrachtet nur ein Teil des Funktionsumfangs von WebXR – aber ein sehr mächtiger!

Was ist WebXR?

WebXR ist ein neuer Webstandard, der derzeit vom World Wide Web Consortium (W3C), einer Gruppe von Experten aus großen Technologieunternehmen wie Google, Apple, Microsoft und Facebook entwickelt wird.

Er ermöglicht die nahtlose Integration von Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) auf Websites oder in Webanwendungen und erlaubt dadurch den Usern, diese immersiven Technologien direkt in ihrem Browser zu erleben – idealerweise mit, aber auch ohne VR- und AR Headsets. Der Clou: Dazu ist kein separater App Download oder Ähnliches nötig – ein PC oder modernes mobiles Endgerät mit aktuellem Browser reicht aus.

WebXR war zuvor unter der Bezeichnung WebVR bekannt und wurde für Virtual Reality (VR) entwickelt. Es wurde ursprünglich von Mozilla und Google Chrome erschaffen. Mit der Umstellung auf WebXR beinhaltet die Technologie nun auch Augmented Reality (AR).

Unterstützt wird WebXR bisher auf experimenteller Basis von Mozilla Firefox und Google Chrome Browser.

Was sind die großen Vorteile von WebXR?

VR/AR-Fähigkeit auf jedem Gerät

Wie bereits angerissen besteht der Hauptvorteil dieses Standards darin, dass spezielle Hardware wie z.B. ein VR oder AR Headset für die Anzeige von immersiven Inhalten zwar eine optimale User Experience mit sich bringt, allerdings nicht zwingend erforderlich ist. Auch gängige Smartphones und Tablets können WebXR Inhalte ganz einfach darstellen.

Dieser, als Progressive Enhancement bekannte, Ansatz war von Vornherein eine Kernphilosophie des Entwicklerkonsortiums.

Die daraus entstehende Flexibilität löst ein altbekanntes Henne-Ei-Problem. Denn gibt es keine Inhalte, kauft auch kein Konsument ein VR/AR Headset. Und gibt es zu wenige VR/AR Headsets auf dem Markt, ist die Produktion von virtuellen Inhalten für Medienunternehmen und Industrie nicht attraktiv.

Durch die große Verfügbarkeit von mobilen Endgeräten und stark gestiegener mobiler Zugriffszahlen im Web wird die Produktion von Inhalten aber zunehmend attraktiv, insbesondere wenn dadurch Geschäftsziele auf Produzentenseite besser erreicht werden können.

VR/AR  ohne App-Download

Der WebXR-Standard erfordert weiterhin wie bereits beschrieben keinen Download einer speziellen App. Viele werden das Praxisbeispiel am Anfang des Artikels lesen und denken: „Ja, und? Die IKEA-App kann das doch schon längst!

Schon richtig, aber eben nur innerhalb der eigenen IKEA App und nicht – wie im obigen Beispiel – auf jeder beliebigen Website. Online-Vermarkter wissen schon lange, dass es zunehmend schwieriger wird, Benutzer davon zu überzeugen, noch eine weitere App herunterzuladen. Denn kaum jemand möchte einen Haufen von One-Hit-Wonder-Apps auf seinem Mobilgerät installiert haben und deswegen steigen die durchschnittlichen Cost-per-Download-Raten seit Jahren stetig an.

Darüber hinaus ist es eine der sieben Todsünden des Online-Marketings, Benutzer von einer Produktseite wegzuleiten, besonders wenn sie schon bereit sind zu kaufen und kurz vor dem Check-out stehen. Konversionsrate adé.

Insofern sind App Downloads eine große Barriere und diese kann durch WebXR überwunden werden.

Die Vorteile im Überblick

Zusammengefasst bietet WebXR folgende Benefits:

  • Einfache und Plattform-unabhängige Integration in Websites oder Web-Apps
  • Keine Entwicklung bzw. Distribution/Vermarktung von zusätzlichen Apps nötig
  • Kein App-Download auf Konsumentenseite nötig
  • Nutzung durch Headsets und Brillen aber auch durch mobile Endgeräte möglich (Progressive Enhancement)
  • Innovative Wahrnehmung durch den User (UX-Boost!)
  • Potenziell starker positiver Einfluss auf die Konversionsrate
  • Potenziell positiver Einfluss auf Retourenraten

Klingt rosig, ist es aber nicht ganz. Natürlich gibt es auch Nachteile.

Die Nachteile

WebXR ist leider noch nicht ganz bereit für die Prime Time. Die wichtigsten Browserhersteller Microsoft und Apple zögern immer noch, die Technologie zu übernehmen.

Der Chrome-Browser (Version 81) ist einer der ersten, der WebXR-Inhalte anzeigen kann, aktuell ist dieser aber nur als Betaversion erhältlich. Auch der Browser der VR-Brille Oculus Quest bietet seit kurzem Unterstützung für WebXR. Und kürzlich hat auch Firefox seinen Reality-Browser mit partiellem WebXR Support veröffentlicht.

Dafür sieht es bei den übrigen großen Playern eher mau aus. Keiner der weiteren populären Browser hat in naher Zukunft Unterstützung für WebXR angekündigt.

Weiterhin bleibt, trotz der Fortschritte beim Standard, der Mangel an brauchbaren Konsumenten-Headsets ein Problem.

Obwohl vor kurzem eine Reihe neuer und interessanter Headsets wie die Oculus Quest veröffentlicht wurden, sind die meisten VR/AR-Headsets für viele Konsumenten immer noch zu teuer, sperrig und schwer zu bedienen.

Es könnte also noch leicht und locker zwei bis drei Jahre dauern, bis der Standard auf breiter Ebene unterstützt wird und zumindest ein leichter Zuwachs an Headsets im Markt zu verzeichnen ist.

Fazit

WebXR ist vielleicht noch nicht ganz massenkompatibel, hat aber eine spannende Zukunft vor sich. Die Technologie selbst ist sehr leistungsstark und könnte massive Auswirkungen auf die nächste Generation des Internets haben. Hier lässt sich ein Vergleich zu HTML5 ziehen, das als Webstandard knapp zehn Jahre benötigt hat, um sich vollumfänglich durchzusetzen. Das Web, wie wir es heute kennen, wäre ohne HTML5 und die darauf basierenden Technologien und Frameworks nicht möglich.

In der Zwischenzeit kann ich empfehlen, einen Blick auf Apples AR-Quicklook-Funktion zu werfen, einem 3D-Dateiformat, das in Zusammenarbeit mit Adobe und den Pixar Animation Studios entwickelt wurde. Es kann bereits auf neueren iOS-Geräten verwendet werden und ermöglicht eine einfache Möglichkeit, 3D-Objekte in Ihrer Umgebung darzustellen. Apple’s Quicklook-Feature ist bei Shopify seit ca. zwei Jahren standardmäßig als Funktion integriert.

Erwähnenswert ist auch das offene glTF-Dateiformat, das leicht auf Android-Geräten angezeigt werden kann, jedoch mit einem etwas geringeren Funktionsumfang daher kommt.

Beide Lösungen können ebenfalls sehr einfach auf Websites integriert werden, nutzen für die Darstellung selbst dann allerdings native Gerätefunktionen. Diese Ansätze sind letztlich Brückentechnologien, die dabei helfen könnten, den Weg für WebXR und damit für Virtual Reality und Augmented Reality im Web zu ebnen.

Du hast Fragen oder Hinweise zu diesem Artikel? Sprich mich jederzeit gerne dazu an.

Hinweis/Disclaimer:
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Matthias
Matthias Hamann
Digitale Konzeption

Über den Autor

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